Portrait Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESADr. Pehböck

Schmerztherapie

Nervenschmerzen verstehen: Was bei Neuropathien helfen kann

Brennen, Kribbeln, Taubheit oder einschießende Schmerzen – Nervenschmerzen sind oft schwer einzuordnen und beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Dieser Beitrag erklärt, wie Neuropathien entstehen und welche Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA4 Min. Lesezeit
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Was sind Nervenschmerzen?

Nervenschmerzen – medizinisch als neuropathische Schmerzen bezeichnet – entstehen, wenn Nerven selbst geschädigt oder in ihrer Funktion gestört sind. Anders als der "normale" Schmerz, der etwa bei einer Verletzung oder Entzündung als Warnsignal dient, hat der neuropathische Schmerz seinen Ursprung im Nervensystem selbst. Er kann an einzelnen Nerven (Mononeuropathie), an mehreren Nerven gleichzeitig (Polyneuropathie) oder im zentralen Nervensystem (z. B. nach einem Schlaganfall) auftreten.

Betroffene beschreiben die Beschwerden häufig als ungewöhnlich und schwer zu greifen. Typisch sind:

  • brennende oder stechende Schmerzen
  • Kribbeln, "Ameisenlaufen" oder das Gefühl von Nadelstichen
  • Taubheitsgefühle oder pelzige Haut
  • einschießende, blitzartige Schmerzen
  • erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührung, Kälte oder Wärme

Da diese Symptome auch nachts auftreten und den Schlaf stören können, leiden viele Patientinnen und Patienten zusätzlich unter Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und einer gedrückten Stimmungslage.

Häufige Ursachen neuropathischer Schmerzen

Nervenschmerzen können sehr unterschiedliche Auslöser haben. Eine sorgfältige ärztliche Abklärung ist wichtig, um die zugrunde liegende Ursache zu erkennen und gezielt zu behandeln.

Stoffwechselerkrankungen

Eine der häufigsten Formen ist die diabetische Polyneuropathie. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte können Nervenfasern – vor allem in Füßen und Beinen – nach und nach schädigen. Auch Schilddrüsenerkrankungen oder Nierenfunktionsstörungen können Nervenschmerzen begünstigen.

Mangelzustände

Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, B1 oder B6, kann zu Nervenfunktionsstörungen führen. Solche Defizite finden sich beispielsweise bei einseitiger Ernährung, chronischen Magen-Darm-Erkrankungen oder bei längerer Einnahme bestimmter Medikamente.

Infektionen und Entzündungen

Virale Erkrankungen wie Gürtelrose (Herpes zoster) können eine sogenannte postzosterische Neuralgie hinterlassen. Auch Borreliose, HIV oder Autoimmunprozesse (z. B. Guillain-Barré-Syndrom) zählen zu den möglichen Auslösern.

Mechanische Reizung

Wird ein Nerv eingeengt oder gequetscht, kann dies typische Beschwerden hervorrufen – etwa beim Karpaltunnelsyndrom, bei Bandscheibenvorfällen oder einer Ischialgie.

Toxische Einflüsse und Therapien

Chronischer Alkoholkonsum schädigt Nerven nachhaltig. Auch manche Chemotherapien können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie auslösen.

Weitere Ursachen

Dazu gehören Trigeminusneuralgie, Phantomschmerzen nach Amputationen oder Schmerzen nach Operationen und Verletzungen. In manchen Fällen lässt sich trotz gründlicher Diagnostik keine eindeutige Ursache feststellen – man spricht dann von einer idiopathischen Neuropathie.

Diagnostik: Den Ursachen auf der Spur

Da die Behandlung wesentlich von der Ursache abhängt, beginnt jede sinnvolle Therapie mit einer gründlichen Abklärung. Dazu zählen:

  • ausführliches Anamnesegespräch zu Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamenten
  • neurologische Untersuchung (Reflexe, Sensibilität, Muskelkraft)
  • Laboruntersuchungen (z. B. Blutzucker, Vitaminstatus, Schilddrüsenwerte)
  • elektrophysiologische Tests wie Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und Elektromyografie (EMG)
  • bildgebende Verfahren bei Verdacht auf mechanische Ursachen

Nervenschmerzen Therapie: Mehrgleisig denken

Die Behandlung neuropathischer Schmerzen ist meist ein Zusammenspiel mehrerer Bausteine. Ziel ist nicht immer vollständige Schmerzfreiheit, sondern eine spürbare Linderung und der Erhalt von Funktion und Lebensqualität.

Ursachenbezogene Behandlung

Wo möglich, steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund. Beispiele:

  • gute Blutzuckereinstellung bei Diabetes
  • Ausgleich von Vitaminmangel
  • Behandlung einer Infektion oder Entzündung
  • Entlastung eines eingeengten Nervs, gegebenenfalls operativ

Medikamentöse Therapie

Klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol wirken bei neuropathischen Schmerzen oft nur eingeschränkt. Stattdessen kommen häufig Wirkstoffe aus anderen Substanzklassen zum Einsatz, etwa:

  • bestimmte Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Duloxetin) in niedriger Dosierung
  • antikonvulsive Wirkstoffe wie Gabapentin oder Pregabalin
  • topische Anwendungen mit Lidocain- oder Capsaicin-haltigen Pflastern
  • in ausgewählten Fällen Opioide unter strenger ärztlicher Kontrolle

Welche Therapie geeignet ist, hängt von Art und Ursache der Beschwerden, Begleiterkrankungen und individueller Verträglichkeit ab. Die Auswahl und Dosierung sollten immer ärztlich begleitet werden.

Physikalische und bewegungstherapeutische Ansätze

Regelmäßige Bewegung und Physiotherapie können die Durchblutung fördern und helfen, Beweglichkeit sowie Muskelkraft zu erhalten. Ergänzend kommen je nach Beschwerdebild zum Einsatz:

  • Krankengymnastik und gezieltes Training
  • Lymphdrainage oder manuelle Therapie
  • TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation)
  • Wärme- oder Kälteanwendungen

Infusions- und interventionelle Therapien

In bestimmten Fällen können Infusionsbehandlungen oder gezielte Nervenblockaden ergänzend zur Linderung beitragen. Diese Verfahren sollten in einer schmerzmedizinisch erfahrenen Praxis individuell geprüft werden.

Psychologische Begleitung

Chronische Schmerzen wirken sich auf Stimmung, Schlaf und Alltag aus. Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitsübungen oder Entspannungstechniken (z. B. progressive Muskelentspannung) können helfen, den Umgang mit den Beschwerden zu verbessern.

Lebensstil und Selbsthilfe

Viele Betroffene profitieren zusätzlich von einfachen Maßnahmen im Alltag:

  • ausgewogene Ernährung mit ausreichend B-Vitaminen
  • Verzicht auf Alkohol und Nikotin
  • regelmäßige, moderate Bewegung
  • gute Fußpflege bei diabetischer Polyneuropathie
  • bequemes Schuhwerk und Schutz vor Druckstellen

Polyneuropathie Behandlung: Geduld und realistische Erwartungen

Eine Polyneuropathie Behandlung erfordert oft einen langen Atem. Geschädigte Nerven regenerieren langsam, manche Veränderungen lassen sich nicht vollständig rückgängig machen. Umso wichtiger ist es, früh aktiv zu werden, ein Fortschreiten möglichst zu bremsen und Beschwerden Schritt für Schritt in den Griff zu bekommen.

Eine enge Abstimmung zwischen Hausärztin oder Hausarzt, Neurologie, Schmerzmedizin und gegebenenfalls Physiotherapie hat sich in der Praxis bewährt. Auch Selbsthilfegruppen können wertvolle Unterstützung bieten – sowohl emotional als auch im Austausch praktischer Erfahrungen.

Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist

Sie sollten Beschwerden nicht auf die leichte Schulter nehmen, wenn:

  • Kribbeln, Taubheit oder Brennen über mehrere Wochen bestehen
  • Schmerzen an Intensität zunehmen oder den Schlaf stören
  • Muskelschwäche, Gangunsicherheit oder Stürze auftreten
  • offene Stellen an Füßen oder Händen unbemerkt bleiben

Eine frühzeitige Abklärung erhöht die Chance, behandelbare Ursachen zu erkennen und die richtige Therapie einzuleiten.

Fazit

Neuropathische Schmerzen sind komplex, aber kein Schicksal, dem man tatenlos gegenüberstehen muss. Eine sorgfältige Diagnostik, eine individuell abgestimmte Kombination aus medikamentösen, physikalischen und psychologischen Maßnahmen sowie ein gesunder Lebensstil können die Beschwerden deutlich lindern und Lebensqualität zurückbringen.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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