Warum Schmerztherapie in der Palliativmedizin so wichtig ist
Eine schwere, fortschreitende Erkrankung – etwa eine Krebserkrankung im fortgeschrittenen Stadium, eine schwere Herz- oder Lungenerkrankung oder eine neurologische Diagnose – geht häufig mit chronischen Schmerzen einher. Studien zeigen, dass etwa 60 bis 80 Prozent der Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung im Verlauf unter behandlungsbedürftigen Schmerzen leiden.
Die palliative Schmerzbehandlung verfolgt ein klares Ziel: Lebensqualität so weit wie möglich erhalten, Leiden lindern und der betroffenen Person ermöglichen, die verbleibende Zeit möglichst selbstbestimmt zu erleben. Eine umfassende Schmerztherapie Palliativ versteht sich dabei nicht nur als medizinische Maßnahme, sondern als Teil einer ganzheitlichen Betreuung, die körperliche, seelische, soziale und spirituelle Aspekte einschließt.
Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Die richtige Diagnose als Basis
Eine wirksame Schmerzlinderung bei Krebs und anderen schweren Erkrankungen beginnt mit einer sorgfältigen Schmerzanalyse. Mediziner unterscheiden grundsätzlich verschiedene Schmerzarten:
- Nozizeptive Schmerzen: Sie entstehen durch Reizung von Schmerzrezeptoren, etwa bei Knochenmetastasen oder Entzündungen.
- Neuropathische Schmerzen: Sie werden durch geschädigte Nerven verursacht und äußern sich oft als Brennen, Stechen oder Kribbeln.
- Viszerale Schmerzen: Sie gehen von inneren Organen aus und werden meist als dumpf oder krampfartig beschrieben.
- Mischformen: Häufig liegen mehrere Schmerzarten gleichzeitig vor.
Die genaue Einordnung ist entscheidend, weil sich die Wahl der Medikamente und Verfahren danach richtet. Hilfreich sind dabei strukturierte Erfassungen, etwa mit der numerischen Schmerzskala von 0 bis 10, sowie ein Schmerztagebuch.
Das WHO-Stufenschema als Grundlage
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein bewährtes Stufenschema entwickelt, das bis heute die Basis der medikamentösen palliativen Schmerzbehandlung bildet:
Stufe 1: Nicht-Opioid-Analgetika
Bei leichten Schmerzen kommen Wirkstoffe wie Paracetamol oder nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR, etwa Ibuprofen oder Diclofenac) zum Einsatz. Sie wirken schmerzlindernd und teilweise entzündungshemmend.
Stufe 2: Schwache Opioide
Reichen Stufe-1-Medikamente nicht aus, werden schwächere Opioide wie Tramadol oder Tilidin ergänzt.
Stufe 3: Starke Opioide
Bei mittleren bis starken Schmerzen kommen starke Opioide wie Morphin, Hydromorphon, Oxycodon oder Fentanyl zum Einsatz. Sie können oral, als Pflaster, subkutan oder intravenös verabreicht werden.
Ergänzend werden auf allen Stufen sogenannte Co-Analgetika eingesetzt – Medikamente, die ursprünglich für andere Indikationen entwickelt wurden, aber bei bestimmten Schmerzformen wirksam sind:
- Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Duloxetin) bei neuropathischen Schmerzen
- Antikonvulsiva (z. B. Gabapentin, Pregabalin) bei Nervenschmerzen
- Kortikosteroide bei entzündlich bedingten Schmerzen oder Schwellungen
- Bisphosphonate bei Knochenschmerzen durch Metastasen
Moderne Verabreichungswege
Wenn Tabletten nicht mehr geschluckt werden können – etwa in der Sterbephase oder bei Erkrankungen im Mund- und Rachenbereich – stehen alternative Wege zur Verfügung:
- Transdermale Pflaster geben Wirkstoffe wie Fentanyl oder Buprenorphin gleichmäßig über die Haut ab.
- Subkutane Pumpen ermöglichen eine kontinuierliche Gabe von Schmerzmitteln und weiteren Wirkstoffen.
- Patientenkontrollierte Analgesie (PCA) erlaubt es Betroffenen, bei Schmerzspitzen selbst eine zusätzliche Dosis abzurufen.
- Rückenmarksnahe Verfahren (epidurale oder intrathekale Schmerztherapie) kommen bei sehr starken, anders nicht beherrschbaren Schmerzen infrage.
Umgang mit häufigen Sorgen rund um Opioide
Viele Patientinnen, Patienten und Angehörige haben Bedenken gegenüber starken Schmerzmitteln. Häufige Fragen betreffen Suchtgefahr, Atemdepression oder eine vermeintliche Lebensverkürzung. Aus medizinischer Sicht gilt:
- Bei korrekt dosierter Anwendung in der Palliativsituation ist das Risiko einer psychischen Abhängigkeit gering.
- Eine Lebensverkürzung durch sachgerechte Opioidtherapie ist nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht zu erwarten.
- Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit oder Müdigkeit lassen sich in der Regel gut mitbehandeln.
Eine offene Aufklärung und engmaschige ärztliche Begleitung tragen dazu bei, Ängste abzubauen.
Nicht-medikamentöse Verfahren ergänzen die Therapie
Die palliative Schmerzbehandlung umfasst weit mehr als Medikamente. Verschiedene Verfahren können ergänzend zur Schmerzlinderung beitragen:
- Physiotherapie und Lymphdrainage: bei muskulären Verspannungen und Ödemen
- Wärme- und Kälteanwendungen: zur Lockerung oder Schmerzdämpfung
- TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation): kann bei bestimmten Schmerzformen unterstützen
- Atem- und Entspannungstechniken: helfen, Schmerzwahrnehmung und Anspannung zu reduzieren
- Musik-, Kunst- oder Aromatherapie: können Wohlbefinden und Stimmung positiv beeinflussen
- Psychoonkologische und psychotherapeutische Begleitung: unterstützt im Umgang mit Angst, Trauer und existenziellen Fragen
Auch interventionelle Verfahren wie Nervenblockaden oder eine palliative Strahlentherapie – etwa bei schmerzhaften Knochenmetastasen – können in geeigneten Fällen eine deutliche Linderung bringen.
Die Rolle des multiprofessionellen Teams
Moderne Palliativmedizin ist Teamarbeit. Eingebunden sind in der Regel:
- Hausärztinnen und Hausärzte sowie Fachärztinnen und Fachärzte
- Palliativmedizinisch geschulte Pflegekräfte
- Physio- und Ergotherapie
- Psychologische und seelsorgerische Begleitung
- Sozialarbeit
- Angehörige und ehrenamtliche Hospizbegleitung
In Österreich stehen dafür mobile Palliativteams, Palliativstationen, Hospize und Tageshospize zur Verfügung. Die Versorgung kann je nach Wunsch und Situation zu Hause, im Pflegeheim oder stationär erfolgen.
Was Angehörige tun können
Angehörige spielen eine zentrale Rolle. Sie können:
- Schmerzäußerungen aufmerksam wahrnehmen und dokumentieren
- bei der regelmäßigen Medikamenteneinnahme unterstützen
- für eine ruhige, angenehme Umgebung sorgen
- emotionale Nähe und Gespräche anbieten
- frühzeitig Unterstützung durch Palliativteams oder Hospizdienste in Anspruch nehmen
Wichtig ist auch, dass Angehörige auf sich selbst achten und Entlastungsangebote nutzen.
Fazit
Die moderne Palliativmedizin verfügt über ein breites Spektrum wirksamer Möglichkeiten, um Schmerzen am Lebensende zu lindern. Eine sorgfältig abgestimmte Kombination aus Medikamenten, ergänzenden Verfahren und menschlicher Zuwendung kann dazu beitragen, dass die letzte Lebensphase in Würde und mit so viel Lebensqualität wie möglich erlebt werden kann. Wer frühzeitig das Gespräch mit dem behandelnden Team sucht, schafft die besten Voraussetzungen für eine individuell passende Begleitung.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.


