Was bedeutet Palliativmedizin?
Der Begriff Palliativmedizin leitet sich vom lateinischen Wort palliare ab – „mit einem Mantel umhüllen". Genau das beschreibt die Grundidee dieses medizinischen Fachgebiets: Menschen mit einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung sollen umfassend betreut, körperlich entlastet und emotional gestützt werden. Im Mittelpunkt steht nicht die Heilung der Grunderkrankung, sondern die Linderung belastender Symptome und der Erhalt einer möglichst hohen Lebensqualität.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Palliative Care als ganzheitlichen Ansatz, der körperliche Beschwerden ebenso berücksichtigt wie psychische, soziale und spirituelle Bedürfnisse. Palliativmedizin in Österreich folgt dieser Definition und ist heute fester Bestandteil des Gesundheitssystems.
Für wen ist palliative Versorgung gedacht?
Palliative Versorgung richtet sich nicht ausschließlich an Menschen in der letzten Lebensphase. Sie kann bereits frühzeitig im Verlauf einer schweren Erkrankung sinnvoll sein – häufig parallel zu einer ursächlichen Therapie.
Typische Erkrankungen, bei denen palliative Begleitung in Frage kommt:
- fortgeschrittene Krebserkrankungen
- schwere Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankungen im Endstadium
- neurologische Erkrankungen wie ALS, fortgeschrittenes Parkinson-Syndrom oder Multiple Sklerose
- weit fortgeschrittene Demenzerkrankungen
- andere chronisch fortschreitende Leiden mit begrenzter Lebenserwartung
Auch Angehörige sind ausdrücklich Teil der Betreuung. Sie erhalten Beratung, Entlastung und psychosoziale Unterstützung – während der Erkrankung und in der Trauerphase.
Ziele der Palliativmedizin
Die Palliativmedizin verfolgt mehrere ineinandergreifende Ziele:
- Symptomkontrolle: Linderung von Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Erschöpfung, Angst oder Schlafstörungen
- Psychosoziale Begleitung: Unterstützung bei Sorgen, Ängsten und der Auseinandersetzung mit der Erkrankung
- Spirituelle Begleitung: Raum für Sinnfragen, Glaubens- und Lebensthemen
- Förderung der Selbstbestimmung: Patient:innen entscheiden im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst über Therapieziele
- Unterstützung der Angehörigen: Gespräche, Schulung in der Pflege, Trauerbegleitung
Eine offene, einfühlsame Kommunikation – auch über schwierige Themen wie Therapieentscheidungen, Patientenverfügung oder das Lebensende – ist ein zentrales Element.
Versorgungsstrukturen: Palliativmedizin in Österreich
In Österreich besteht ein abgestuftes Konzept der Hospiz- und Palliativversorgung. Es soll sicherstellen, dass Betroffene unabhängig vom Wohnort und vom Versorgungsbedarf passende Unterstützung erhalten. Die Strukturen werden gemeinsam vom Gesundheits- und Sozialwesen sowie von gemeinnützigen Trägern wie dem Dachverband Hospiz Österreich getragen.
1. Ambulante Palliativversorgung zu Hause
Viele Menschen wünschen sich, in vertrauter Umgebung betreut zu werden. Dafür stehen verschiedene Angebote zur Verfügung:
- Mobile Palliativteams: multiprofessionelle Teams aus Ärzt:innen, Pflegekräften und Sozialarbeiter:innen, die Patient:innen zu Hause oder in Pflegeeinrichtungen unterstützen
- Hausärzt:innen und niedergelassene Fachärzt:innen: zentrale Ansprechpersonen für die laufende medizinische Versorgung
- Hauskrankenpflege: pflegerische Betreuung im häuslichen Umfeld
- Hospizteams (ehrenamtlich): geschulte Begleiter:innen, die Zeit schenken, zuhören und entlasten
2. Tageshospize
Tageshospize bieten tagsüber Betreuung, medizinische Versorgung und sozialen Austausch. Sie sind eine Zwischenform und können eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn die häusliche Pflege weitergeführt werden soll, aber zusätzliche Unterstützung gewünscht ist.
3. Palliativstationen im Krankenhaus
Palliativstationen sind eigene Abteilungen in Krankenhäusern, spezialisiert auf die Behandlung schwer belastender Symptome. Ziel ist meist eine Stabilisierung, sodass Patient:innen anschließend wieder nach Hause oder in eine andere Versorgungsform entlassen werden können.
4. Stationäres Hospiz in Österreich
Ein stationäres Hospiz ist eine Einrichtung für Menschen in der letzten Lebensphase, deren Betreuung zu Hause nicht mehr möglich ist. Im Vordergrund stehen Würde, Geborgenheit und Lebensqualität. Die Aufenthaltsdauer richtet sich nach dem individuellen Verlauf. Ein Hospiz in Österreich versteht sich als „Ort des Lebens" – mit professioneller pflegerischer und medizinischer Begleitung sowie psychosozialer und spiritueller Unterstützung.
Wer ist im Palliativteam tätig?
Palliative Versorgung ist Teamarbeit. Beteiligt sind unter anderem:
- Ärzt:innen mit Zusatzausbildung in Palliativmedizin
- diplomierte Pflegekräfte mit palliativer Weiterbildung
- Physio- und Ergotherapeut:innen
- Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen
- Sozialarbeiter:innen
- Seelsorger:innen unterschiedlicher Konfessionen
- ehrenamtliche Hospizbegleiter:innen
Diese Vielfalt ermöglicht es, auf die individuellen Bedürfnisse jedes Menschen einzugehen.
Häufige Fragen von Patient:innen und Angehörigen
Wann ist der richtige Zeitpunkt, palliative Unterstützung in Anspruch zu nehmen?
Studien legen nahe, dass eine frühzeitige Einbindung sinnvoll sein kann – also nicht erst in den letzten Lebenswochen. Sprechen Sie mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt, wenn belastende Symptome auftreten oder Fragen zur weiteren Therapie bestehen.
Bedeutet Palliativmedizin, dass alle Behandlungen eingestellt werden?
Nein. Palliativmedizin schließt aktive Behandlungen nicht aus. Entscheidend ist das individuelle Therapieziel, das gemeinsam mit Patient:innen, Angehörigen und dem Behandlungsteam besprochen wird.
Was kostet palliative Versorgung?
Viele Leistungen werden von der Sozialversicherung getragen. Bei Hospizen und mobilen Diensten gibt es je nach Bundesland unterschiedliche Regelungen, teilweise mit Eigenbeiträgen oder Förderungen. Auskunft geben Krankenkassen, Sozialarbeiter:innen und der Dachverband Hospiz Österreich.
Was ist eine Patientenverfügung?
In einer Patientenverfügung können Sie festlegen, welche medizinischen Maßnahmen Sie in bestimmten Situationen wünschen oder ablehnen. Sie ist ein wichtiges Instrument der Selbstbestimmung. Eine ärztliche und rechtliche Beratung ist dafür empfehlenswert.
Unterstützung für Angehörige
Die Begleitung eines schwer kranken Menschen ist herausfordernd. Angehörige berichten häufig von Erschöpfung, Trauer und Unsicherheit. Folgende Angebote können entlasten:
- Pflegekarenz und Familienhospizkarenz mit gesetzlicher Absicherung
- Beratungsstellen der Bundesländer und Sozialversicherungsträger
- Selbsthilfegruppen und Trauergruppen
- ehrenamtliche Hospizbegleitung
Sich selbst Pausen zu gönnen und Hilfe anzunehmen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine wichtige Voraussetzung dafür, langfristig für die erkrankte Person da sein zu können.
Fazit
Palliativmedizin in Österreich ist heute breit aufgestellt und bietet Betroffenen wie Angehörigen vielfältige Unterstützung – von der ambulanten Begleitung zu Hause über Tageshospize und Palliativstationen bis hin zum stationären Hospiz. Wer sich frühzeitig informiert und Beratung sucht, kann diese Strukturen gezielt nutzen und gemeinsam mit dem Behandlungsteam Entscheidungen treffen, die der eigenen Lebenssituation entsprechen.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.


