Portrait Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESADr. Pehböck

Palliativmedizin

Ernährung und Flüssigkeit in der letzten Lebensphase: Was ist sinnvoll?

In der Sterbephase verändern sich Hunger und Durst grundlegend – und damit auch die Frage, was Betroffenen wirklich guttut. Dieser Beitrag gibt Angehörigen und Interessierten einen sachlichen Überblick über aktuelle Empfehlungen rund um Ernährung und Flüssigkeitsgabe am Lebensende.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA4 Min. Lesezeit
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Wenn Essen und Trinken weniger werden

Eine der häufigsten Sorgen von Angehörigen lautet: „Mein Vater isst kaum noch etwas – verhungert er?" Oder: „Meine Mutter trinkt fast nichts mehr – verdurstet sie?" Diese Fragen sind verständlich, denn Essen und Trinken stehen im Alltag für Fürsorge, Geborgenheit und Leben selbst. In der letzten Lebensphase verändert sich der Körper jedoch tiefgreifend, und damit auch sein Bedarf an Nahrung und Flüssigkeit.

Die moderne Palliativmedizin geht heute davon aus, dass eine deutliche Reduktion von Hunger und Durst Teil des natürlichen Sterbeprozesses ist. Der Körper schaltet schrittweise Stoffwechselvorgänge herunter, und der Bedarf an Energie und Flüssigkeit sinkt. Was im gesunden Leben lebensnotwendig ist, kann am Lebensende sogar belastend wirken.

Ernährung in der Sterbephase: Was passiert im Körper?

In den letzten Tagen oder Wochen des Lebens verändert sich der Stoffwechsel grundlegend:

  • Der Energiebedarf sinkt deutlich.
  • Verdauung und Aufnahme von Nährstoffen funktionieren nur noch eingeschränkt.
  • Hunger- und Durstgefühl nehmen ab oder verschwinden ganz.
  • Schwäche, Müdigkeit und vermehrtes Schlafen sind typisch.

Diese Veränderungen sind kein Zeichen dafür, dass „etwas falsch gemacht" wird, sondern Ausdruck eines körperlichen Geschehens, das sich nicht durch Zufuhr von Kalorien aufhalten lässt. Studien aus der Palliativmedizin zeigen, dass künstliche Ernährung in dieser Phase die Lebenszeit in der Regel nicht verlängert und die Lebensqualität nicht verbessert.

Künstliche Ernährung Palliativ: Wann ist sie sinnvoll?

Unter künstlicher Ernährung versteht man die Zufuhr von Nährstoffen über Sonden (etwa eine Magensonde oder PEG) oder über Infusionen (parenterale Ernährung). Die Frage, ob solche Maßnahmen sinnvoll sind, lässt sich nicht pauschal beantworten – sie hängt vom Krankheitsstadium, von den Therapiezielen und vom Willen des Patienten oder der Patientin ab.

Mögliche Vorteile

  • In früheren Krankheitsphasen kann künstliche Ernährung helfen, Kräfte zu erhalten, etwa wenn Schluckstörungen vorliegen, das Grundleiden aber noch behandelbar ist.
  • Bei vorübergehenden Engpässen (z. B. nach Operationen) kann sie eine wichtige Brücke sein.

Mögliche Belastungen am Lebensende

  • Übelkeit, Erbrechen und Völlegefühl, wenn der Körper Nahrung nicht mehr verarbeiten kann.
  • Vermehrte Wassereinlagerungen, Atemnot durch Lungenödeme.
  • Druckstellen, Infektionen oder Komplikationen durch Sonden und Zugänge.
  • Einschränkung von Mobilität und Nähe zu Angehörigen.

Internationale Fachgesellschaften – darunter auch palliativmedizinische Leitlinien im deutschsprachigen Raum – empfehlen daher, künstliche Ernährung in der Sterbephase zurückhaltend einzusetzen und individuell abzuwägen. Im Vordergrund stehen Linderung von Beschwerden und Lebensqualität, nicht das Erreichen einer bestimmten Kalorienmenge.

Flüssigkeitsgabe Lebensende: Mehr ist nicht immer besser

Ähnlich verhält es sich mit der Flüssigkeitszufuhr. Lange galt: „Reichlich trinken ist gesund." In den letzten Lebenstagen kann eine zu hohe Flüssigkeitsgabe – etwa über Infusionen – jedoch zu Belastungen führen:

  • Vermehrte Atemwegssekrete und das sogenannte „Rasselatmen".
  • Ödeme in Armen, Beinen oder im Bauchraum.
  • Erhöhter Harndrang bei bettlägerigen Personen.
  • Verstärkte Atemnot.

Andererseits kann ein Flüssigkeitsmangel zu Mundtrockenheit, Verwirrtheit oder unangenehmem Durstgefühl beitragen. Entscheidend ist die individuelle Situation. Häufig genügt es, kleine Mengen Flüssigkeit anzubieten und vor allem die Mundpflege intensiv zu betreuen, denn das subjektive Durstgefühl entsteht meist durch eine trockene Mundschleimhaut – nicht durch Flüssigkeitsmangel im Gesamtkörper.

Was Angehörige praktisch tun können

  • Lippen regelmäßig mit Pflegestiften oder feuchten Tüchern benetzen.
  • Mundhöhle mit kleinen Mengen Wasser, Tee oder gefrorenen Fruchtstückchen befeuchten (sofern Schlucken möglich ist).
  • Lieblingsgetränke in kleinen Schlucken anbieten, ohne Druck.
  • Wattestäbchen oder spezielle Mundpflege-Tupfer verwenden.

Diese kleinen Gesten lindern Beschwerden oft wirksamer als eine Infusion – und schenken zugleich Nähe.

Individuelle Entscheidung: Wille, Gespräch, Begleitung

Die Frage nach Ernährung und Flüssigkeit in der Sterbephase ist immer auch eine ethische Frage. In Österreich gilt – wie in vielen anderen Ländern – der Grundsatz, dass medizinische Maßnahmen einen Nutzen für die betroffene Person haben müssen und ihrem Willen entsprechen sollen. Eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht kann dabei wertvolle Orientierung geben.

Wichtige Bausteine einer guten Entscheidung sind:

  • Therapieziel klären: Geht es um Lebensverlängerung, um Stabilisierung oder um bestmögliche Lebensqualität in der verbleibenden Zeit?
  • Wille der Patientin/des Patienten: Was hat die Person früher geäußert? Liegt eine Patientenverfügung vor?
  • Medizinische Einschätzung: Welche Maßnahmen sind in dieser Phase realistisch hilfreich – und welche eher belastend?
  • Angehörige einbeziehen: Offene Gespräche im Familienkreis können Schuldgefühle verringern.
  • Palliative Begleitung: Hospizdienste, mobile Palliativteams und Hausärztinnen/Hausärzte unterstützen bei medizinischen und seelischen Fragen.

Mythen und Sorgen von Angehörigen

Viele Angehörige fürchten, durch den Verzicht auf künstliche Ernährung „nichts zu tun" oder den Tod zu beschleunigen. Aktuelle Erkenntnisse der Palliativmedizin zeigen jedoch, dass nicht das Weglassen der künstlichen Ernährung den Sterbeprozess auslöst, sondern die zugrunde liegende Erkrankung.

Häufige Missverständnisse:

  • „Ohne Essen verhungert mein Angehöriger." In der Sterbephase ist das Hungergefühl meist nicht mehr vorhanden.
  • „Ohne Infusion verdurstet mein Angehöriger." Mundtrockenheit ist meist das eigentliche Problem – und lässt sich durch Mundpflege gut lindern.
  • „Mehr Kalorien geben mehr Kraft." In dieser Phase kann der Körper zugeführte Energie nicht mehr verwerten.

Fazit: Zuwendung statt Zwang

Ernährung und Flüssigkeitsgabe am Lebensende sind sensible Themen, die nicht schematisch entschieden werden können. Die heutige Palliativmedizin orientiert sich am individuellen Bedarf, am Willen der Betroffenen und an der Lebensqualität – nicht an starren Vorgaben. Oft sind es liebevolle Gesten wie Mundpflege, ein feuchter Schwamm oder das Angebot kleiner Lieblingsspeisen, die mehr bewirken als jede Infusion.

Wer frühzeitig Gespräche mit Ärztinnen, Ärzten und palliativen Fachkräften sucht, schafft Sicherheit – für sich selbst und für die Menschen, die einem nahestehen.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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