Portrait Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESADr. Pehböck

Migräne

Migräne und chronischer Kopfschmerz: Was leistet eine Behandlung mit Botulinumtoxin?

Wer regelmäßig unter starken Kopfschmerzen leidet, kennt die Belastung im Alltag nur zu gut. Bei chronischer Migräne wird Botulinumtoxin seit einigen Jahren als ergänzende Therapieoption eingesetzt – wir fassen zusammen, was die Behandlung kann und für wen sie infrage kommt.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA4 Min. Lesezeit
Illustration zum Artikel Migräne und chronischer Kopfschmerz: Was leistet eine Behandlung mit Botulinumtoxin?

Chronische Migräne: Wenn Kopfschmerz zum Dauerbegleiter wird

Migräne ist mehr als ein gewöhnlicher Kopfschmerz. Typisch sind anfallsartige, meist einseitige, pulsierende Schmerzen, die häufig von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Treten Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten auf, und davon mindestens acht Tage mit migränetypischen Beschwerden, sprechen Fachleute von einer chronischen Migräne.

Für Betroffene bedeutet das oft eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität: Beruf, Familie und Freizeit leiden unter den häufigen Attacken. Die Suche nach einer wirksamen Kopfschmerz Behandlung wird damit zu einem zentralen Anliegen – und genau hier rückt seit einigen Jahren auch Botulinumtoxin in den Fokus.

Was ist Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin Typ A ist ein Eiweißstoff, der von bestimmten Bakterien gebildet wird. In sehr geringen, kontrollierten Dosen wird es in der Medizin seit Jahrzehnten eingesetzt – etwa bei muskulären Verspannungen, Spastik oder bestimmten neurologischen Erkrankungen. In der Ästhetischen Medizin ist die Substanz vor allem zur Behandlung von mimischen Falten bekannt.

Im Bereich der chronischen Migräne Therapie wird Botulinumtoxin Typ A in mehreren Ländern – darunter auch Österreich – seit 2011 als Therapieoption zugelassen. Wichtig: Die Anwendung bei Migräne unterscheidet sich deutlich von der ästhetischen Behandlung, sowohl in der Dosierung als auch in der Verteilung der Injektionsstellen.

Wie wirkt Botulinumtoxin bei Migräne?

Der genaue Wirkmechanismus bei Migräne ist noch nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem Wissensstand spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

  • Hemmung der Reizweiterleitung: Botulinumtoxin kann die Freisetzung bestimmter Botenstoffe an den Nervenenden verringern, die an der Schmerzentstehung beteiligt sind.
  • Modulation von Schmerzrezeptoren: Es gibt Hinweise darauf, dass die Substanz die Empfindlichkeit von Schmerzfasern in der Kopfhaut, im Nacken- und Stirnbereich beeinflusst.
  • Reduktion muskulärer Anspannung: Ein indirekter Effekt entsteht durch die Entspannung beteiligter Muskelgruppen, was Trigger reduzieren kann.

Das Ergebnis: Bei einem Teil der Behandelten nimmt die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken ab.

Für wen kommt Botulinumtoxin Migräne-Therapie infrage?

Die Behandlung mit Botulinumtoxin ist kein Mittel der ersten Wahl. Sie wird in der Regel erst dann erwogen, wenn andere Therapien nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden.

Voraussetzungen sind unter anderem:

  • gesicherte Diagnose einer chronischen Migräne durch einen Facharzt für Neurologie
  • vorangegangene, dokumentierte Versuche mit medikamentösen Prophylaxen (z. B. bestimmte Betablocker, Antikonvulsiva oder Antidepressiva)
  • keine ausreichende Wirksamkeit oder Unverträglichkeit dieser Vortherapien
  • keine bekannten Gegenanzeigen wie bestimmte neuromuskuläre Erkrankungen, Schwangerschaft oder Stillzeit, akute Infektionen im Injektionsbereich

Bei episodischer Migräne (also weniger als 15 Kopfschmerztagen pro Monat) ist Botulinumtoxin nicht zugelassen. Auch bei Spannungskopfschmerz oder Cluster-Kopfschmerz ist die Datenlage anders zu bewerten.

Ablauf der Behandlung

Die Therapie folgt einem standardisierten Schema, das in Studien untersucht wurde (sogenanntes PREEMPT-Protokoll):

Vor der Behandlung

  • Ausführliches Erstgespräch: Erfassen der Krankengeschichte, der bisherigen Therapien und eines aktuellen Kopfschmerzkalenders.
  • Aufklärung: Besprechung von Wirkung, möglichen Nebenwirkungen, Alternativen und Erwartungen.

Die Injektionen

  • Botulinumtoxin Typ A wird in sehr kleinen Mengen an mehreren festgelegten Punkten injiziert.
  • Die Stellen verteilen sich auf Stirn, Schläfen, Hinterkopf, Nacken sowie obere Schulterpartie.
  • Insgesamt sind in der Regel 31 bis 39 Einstiche vorgesehen.
  • Die Behandlung dauert meist 15 bis 30 Minuten und erfolgt ambulant.

Nach der Behandlung

  • Übliche Aktivitäten sind in der Regel rasch wieder möglich.
  • Ein Wirkungseintritt wird häufig nach zwei bis vier Wochen beschrieben.
  • Die Behandlung wird – bei guter Wirkung und Verträglichkeit – etwa alle 12 Wochen wiederholt.
  • Eine endgültige Beurteilung des Therapieerfolgs ist meist erst nach zwei bis drei Behandlungszyklen sinnvoll.

Was sagen Studien?

Mehrere kontrollierte Studien deuten darauf hin, dass Botulinumtoxin Typ A bei chronischer Migräne die Zahl der Kopfschmerztage pro Monat reduzieren kann. Auch Begleitsymptome und der Bedarf an Akutmedikation gehen bei einem Teil der Behandelten zurück.

Wichtig ist jedoch: Botulinumtoxin ist kein Heilmittel. Es kann zur Linderung beitragen und ergänzt etablierte Therapien, ersetzt aber weder eine sorgfältige Diagnostik noch eine umfassende Behandlungsstrategie. Nicht alle Betroffenen sprechen gleichermaßen an – bei manchen bleibt der gewünschte Effekt aus.

Mögliche Nebenwirkungen

Wie jede medizinische Behandlung kann auch eine Therapie mit Botulinumtoxin Nebenwirkungen haben. Beschrieben werden unter anderem:

  • vorübergehende Schmerzen oder Druckgefühl an den Einstichstellen
  • leichte Schwellungen oder kleine Blutergüsse
  • Nackensteifigkeit oder Muskelschwäche im Behandlungsbereich
  • Kopfschmerzen unmittelbar nach der Injektion
  • selten: Lidsenken oder vorübergehende Veränderung der Mimik

Schwerwiegende Nebenwirkungen sind bei sachgerechter Anwendung selten. Eine sorgfältige Aufklärung und die Durchführung durch erfahrene Ärztinnen oder Ärzte sind essenziell.

Botulinumtoxin als Teil eines Gesamtkonzepts

Eine wirksame Migränebehandlung beruht selten auf einer einzelnen Maßnahme. Sinnvoll ist meist ein multimodales Konzept:

  • regelmäßige Schlaf- und Essgewohnheiten
  • Stressbewältigung, z. B. durch Entspannungsverfahren oder Verhaltenstherapie
  • moderate körperliche Aktivität
  • Identifikation und Vermeidung individueller Trigger
  • gezielte Akut- und Prophylaxemedikation
  • in geeigneten Fällen ergänzend Botulinumtoxin oder andere innovative Therapien

Welche Bausteine im Einzelfall infrage kommen, sollte gemeinsam mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten besprochen werden.

Fazit

Botulinumtoxin Typ A hat sich bei chronischer Migräne als ergänzende Therapieoption etabliert, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirken. Die Methode ist gut untersucht, wird ambulant durchgeführt und kann bei einem Teil der Betroffenen zur Reduktion von Kopfschmerztagen beitragen. Ob sie im Einzelfall geeignet ist, hängt von einer sorgfältigen Diagnostik, der bisherigen Therapiehistorie und individuellen Faktoren ab.

Wer unter häufigen, stark belastenden Kopfschmerzen leidet, sollte das Gespräch mit einer Fachärztin oder einem Facharzt suchen, um die passenden Schritte zu planen.

---

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

Termin

Persönliches Gespräch in der Ordination?

Buchen Sie online einen Termin — auch abends und am Wochenende nach Vereinbarung.

Termin vereinbaren

Hinweis

Diese Inhalte werden nach bestem Wissen und mit größter Sorgfalt erstellt. Sie ersetzen jedoch keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Bei konkreten medizinischen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt — gerne auch direkt an unsere Ordination.

Wir freuen uns über Anmerkungen, Korrekturhinweise oder Ergänzungswünsche — schreiben Sie an ordination@arztpraxis-hall.at.