Portrait Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESADr. Pehböck

Ernährungsmedizin

Vegetarische und vegane Ernährung: Worauf aus ärztlicher Sicht zu achten ist

Pflanzenbasierte Ernährung liegt im Trend – und kann viele gesundheitliche Vorteile bieten. Damit der Körper langfristig optimal versorgt bleibt, lohnt sich jedoch ein bewusster Blick auf einige kritische Nährstoffe.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA4 Min. Lesezeit
Illustration zum Artikel Vegetarische und vegane Ernährung: Worauf aus ärztlicher Sicht zu achten ist

Pflanzenbasierte Ernährung: Mehr als ein Lifestyle-Trend

Immer mehr Menschen in Österreich entscheiden sich, ganz oder teilweise auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Die Beweggründe sind vielfältig: ethische Überlegungen, ökologische Verantwortung oder gesundheitliche Aspekte. Studien zeigen, dass eine ausgewogene vegetarische oder vegane Ernährung mit einem geringeren Risiko für bestimmte Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein kann.

Gleichzeitig gilt: Wer auf tierische Produkte verzichtet, sollte sich mit den Nährstoffquellen seiner Ernährung auseinandersetzen. Denn nicht jeder Nährstoff lässt sich pflanzlich gleich gut abdecken. Eine ärztliche Begleitung kann dabei helfen, Versorgungslücken frühzeitig zu erkennen und individuell sinnvoll zu schließen.

Vegetarisch, vegan, flexitarisch – ein kurzer Überblick

  • Vegetarisch: Verzicht auf Fleisch und Fisch, Milchprodukte und Eier sind erlaubt.
  • Vegan: Verzicht auf alle tierischen Lebensmittel, auch Milch, Eier und Honig.
  • Flexitarisch: Überwiegend pflanzlich, gelegentlich tierische Produkte.
  • Pescetarisch: Pflanzlich plus Fisch und Meeresfrüchte.

Je strenger die Ernährungsform, desto wichtiger wird die bewusste Auswahl der Lebensmittel und gegebenenfalls eine gezielte Ergänzung einzelner Nährstoffe.

Vegane Ernährung und Nährstoffe: Worauf besonders zu achten ist

Bei einer rein pflanzlichen Ernährung gibt es einige Nährstoffe, die als kritisch gelten. Das bedeutet nicht, dass automatisch ein Mangel entsteht – wohl aber, dass diese Werte regelmäßig überprüft werden sollten.

Vitamin B12 vegan: der wichtigste Punkt

Vitamin B12 (Cobalamin) kommt in nennenswerten Mengen ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor. Der Körper benötigt es unter anderem für die Bildung roter Blutkörperchen, die Funktion des Nervensystems und den Zellstoffwechsel. Ein langfristiger Mangel kann zu Blutarmut sowie zu neurologischen Beschwerden wie Konzentrationsstörungen, Kribbeln in Händen und Füßen oder Müdigkeit beitragen.

Wichtig zu wissen:

  • Bei veganer Ernährung ist eine Supplementierung von Vitamin B12 in der Regel notwendig.
  • Auch bei strenger vegetarischer Ernährung kann der Bedarf nicht immer zuverlässig gedeckt werden.
  • Eine Kontrolle des Vitamin-B12-Status (inklusive Holo-Transcobalamin und Methylmalonsäure) im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung ist sinnvoll.

Eisen

Eisen ist unter anderem für den Sauerstofftransport im Blut wichtig. Pflanzliches Eisen (Nicht-Häm-Eisen) wird vom Körper schlechter aufgenommen als tierisches.

Tipps zur Verbesserung der Aufnahme:

  • Eisenreiche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Haferflocken, Kürbiskerne oder grünes Blattgemüse bewusst einplanen.
  • Vitamin-C-haltige Lebensmittel (z. B. Paprika, Zitrusfrüchte) zur Mahlzeit kombinieren.
  • Kaffee und schwarzen Tee nicht direkt zu eisenreichen Mahlzeiten trinken, da sie die Aufnahme hemmen können.

Frauen im gebärfähigen Alter, Schwangere und Sportlerinnen sollten ihren Eisenstatus regelmäßig kontrollieren lassen.

Omega-3-Fettsäuren

Die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sind vor allem in fettem Seefisch enthalten. Pflanzliche Quellen wie Leinöl, Walnüsse oder Chiasamen liefern Alpha-Linolensäure (ALA), die der Körper nur in begrenztem Umfang in EPA und DHA umwandeln kann.

Empfehlenswert kann sein:

  • Regelmäßiger Verzehr von Leinöl, Rapsöl, Walnüssen oder Chia- und Hanfsamen.
  • Bei veganer Ernährung kann die Einnahme eines Omega-3-Präparats auf Algenbasis sinnvoll sein.

Weitere kritische Nährstoffe

  • Jod: Jodiertes Speisesalz und gegebenenfalls Algen in moderaten Mengen können zur Versorgung beitragen.
  • Calcium: Calciumreiche Mineralwässer, grünes Gemüse (Brokkoli, Grünkohl), Sesam, Mandeln sowie angereicherte Pflanzendrinks sind hilfreiche Quellen.
  • Vitamin D: Wird vor allem über Sonnenlicht gebildet; in den Wintermonaten kann eine Ergänzung – unabhängig von der Ernährungsform – sinnvoll sein.
  • Zink: Vorkommen in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Saaten.
  • Eiweiß: Über Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh, Seitan, Nüsse und Vollkornprodukte gut zu decken, insbesondere wenn verschiedene Quellen kombiniert werden.

Wann eine vegetarische Ernährung mit ärztlicher Begleitung besonders sinnvoll ist

Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann grundsätzlich in jeder Lebensphase umgesetzt werden – allerdings gibt es Situationen, in denen eine engere Begleitung empfehlenswert ist:

  • Schwangerschaft und Stillzeit: Erhöhter Bedarf an Eisen, Jod, Vitamin B12, DHA und Folsäure.
  • Säuglinge, Kinder und Jugendliche: Wachstum und Entwicklung erfordern eine besonders sorgfältige Nährstoffplanung.
  • Sportlerinnen und Sportler: Höherer Energie- und Eiweißbedarf, oft auch mehr Eisen.
  • Ältere Menschen: Häufig verminderte Aufnahmefähigkeit für Vitamin B12.
  • Chronische Erkrankungen: Etwa Schilddrüsenerkrankungen, Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder Anämien.

In diesen Fällen kann ein Termin beim Arzt helfen, individuelle Risiken einzuschätzen und passende Empfehlungen abzuleiten.

Vegetarische Ernährung und Arzt: So kann eine medizinische Begleitung unterstützen

Eine ärztliche Begleitung pflanzenbasierter Ernährung umfasst typischerweise:

  • Ausführliches Gespräch zu Ernährungsgewohnheiten, Lebensstil und gesundheitlichen Zielen.
  • Laboruntersuchungen, etwa zu Vitamin B12, Eisen (Ferritin, Transferrinsättigung), Vitamin D, Zink, Jod, Schilddrüsenwerten und Blutbild.
  • Individuelle Empfehlungen zur Lebensmittelauswahl und – falls nötig – zur sinnvollen Supplementierung.
  • Verlaufskontrollen, um die Versorgung langfristig im Blick zu behalten.

Ziel ist nicht, von einer pflanzenbasierten Ernährung abzuraten, sondern sie möglichst sicher und gesundheitsförderlich zu gestalten.

Praktische Tipps für den Alltag

  • Vielfalt auf den Teller bringen: Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Gemüse, Obst, Nüsse, Saaten und hochwertige Pflanzenöle bilden eine gute Basis.
  • Stark verarbeitete Fleischersatzprodukte nur in Maßen einsetzen – sie enthalten oft viel Salz und Zusatzstoffe.
  • Mahlzeiten geschickt kombinieren, etwa Hülsenfrüchte mit Getreide für eine bessere Eiweißqualität.
  • Auf eine ausreichende Energiezufuhr achten, besonders bei körperlich aktiven Menschen.
  • Nahrungsergänzungsmittel gezielt und nach ärztlicher Rücksprache auswählen, statt unstrukturiert zu kombinieren.

Fazit

Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann eine sinnvolle, gesundheitsbewusste Wahl sein – wenn sie ausgewogen geplant wird. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Nährstoffe wie Vitamin B12, Eisen, Omega-3-Fettsäuren, Jod, Calcium und Vitamin D. Regelmäßige Kontrollen und eine individuelle Beratung helfen dabei, mögliche Versorgungslücken frühzeitig zu erkennen und gezielt auszugleichen. So lässt sich pflanzenbasiert essen und gleichzeitig auf eine stabile Nährstoffversorgung achten.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

Termin

Persönliches Gespräch in der Ordination?

Buchen Sie online einen Termin — auch abends und am Wochenende nach Vereinbarung.

Termin vereinbaren

Hinweis

Diese Inhalte werden nach bestem Wissen und mit größter Sorgfalt erstellt. Sie ersetzen jedoch keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Bei konkreten medizinischen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt — gerne auch direkt an unsere Ordination.

Wir freuen uns über Anmerkungen, Korrekturhinweise oder Ergänzungswünsche — schreiben Sie an ordination@arztpraxis-hall.at.