Was ist Leistungsdiagnostik?
Unter Leistungsdiagnostik versteht man medizinisch-sportwissenschaftliche Untersuchungen, mit denen sich die individuelle körperliche Leistungsfähigkeit objektiv bestimmen lässt. Sie kommt nicht nur im Profisport zum Einsatz, sondern auch im Breiten- und Gesundheitssport. Ziel ist es, Trainingsbereiche festzulegen, Fortschritte messbar zu machen und gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen.
Zwei Verfahren haben sich besonders etabliert: der Laktattest und die Spiroergometrie. Beide werden meist auf einem Laufband oder Fahrradergometer durchgeführt und zeigen, wie der Körper unter Belastung arbeitet – allerdings mit unterschiedlichem Fokus.
Warum eine Leistungsdiagnostik sinnvoll sein kann
Viele Hobbysportlerinnen und Hobbysportler trainieren entweder zu intensiv oder zu wenig fordernd. Pauschale Faustformeln, etwa "220 minus Lebensalter" für die maximale Herzfrequenz, sind ungenau. Eine Leistungsdiagnostik kann hier eine fundierte Grundlage liefern, um Training individuell anzupassen.
Typische Anlässe sind:
- Wiedereinstieg in den Sport nach längerer Pause
- Vorbereitung auf einen Wettkampf (z. B. Halbmarathon, Radmarathon)
- Stagnation trotz regelmäßigem Training
- Abklärung der Belastbarkeit bei Vorerkrankungen (in Absprache mit der behandelnden Ärztin/dem behandelnden Arzt)
- Allgemeine Standortbestimmung der Ausdauerleistungsfähigkeit
Der Laktattest: Stoffwechsel im Blick
Was wird gemessen?
Beim Laktattest wird in mehreren Belastungsstufen Blut aus dem Ohrläppchen oder der Fingerkuppe entnommen und der Laktatwert bestimmt. Laktat ist ein Stoffwechselprodukt, das vor allem dann vermehrt anfällt, wenn der Körper Energie ohne ausreichend Sauerstoff bereitstellt – also bei zunehmend intensiver Belastung.
Wie läuft die Untersuchung ab?
In der Regel beginnt der Test mit einer leichten Belastung, die schrittweise gesteigert wird. Auf jeder Stufe (meist drei bis fünf Minuten) werden Herzfrequenz und Laktatkonzentration erfasst. So entsteht eine Laktatleistungskurve, die zeigt, ab welcher Intensität der Stoffwechsel von überwiegend aerob auf zunehmend anaerob umstellt.
Was sagt das Ergebnis aus?
Aus der Kurve lassen sich verschiedene Schwellen ableiten, häufig:
- Aerobe Schwelle: Bereich ruhiger Grundlagenausdauer
- Anaerobe Schwelle: höchste Intensität, die längere Zeit ohne überproportionalen Laktatanstieg gehalten werden kann
Diese Werte helfen dabei, Trainingszonen zu definieren – etwa für lockere Dauerläufe, intensive Tempoeinheiten oder Intervalltraining. Die Interpretation erfolgt immer individuell, da Laktatwerte tagesform- und ernährungsabhängig schwanken können.
Die Spiroergometrie: Atmung und Energiebereitstellung
Was wird gemessen?
Die Spiroergometrie kombiniert eine Belastungsuntersuchung mit der Analyse der Atemgase. Über eine Atemmaske werden Sauerstoffaufnahme (VO₂) und Kohlendioxidabgabe (VCO₂) gemessen, ergänzt durch EKG und Blutdruck. So entsteht ein detailliertes Bild der Herz-Kreislauf- und Atmungsfunktion unter Belastung.
Welche Werte sind besonders aussagekräftig?
- VO₂max (maximale Sauerstoffaufnahme): gilt als zentraler Kennwert der Ausdauerleistungsfähigkeit
- Ventilatorische Schwellen (VT1, VT2): Übergänge zwischen den Belastungsbereichen, abgeleitet aus Atemgasen
- Atemökonomie und Atemreserve: Hinweise auf Effizienz der Atmung
- Respiratorischer Quotient (RQ): zeigt, ob eher Fette oder Kohlenhydrate zur Energiegewinnung genutzt werden
Für wen ist die Spiroergometrie interessant?
Die Untersuchung wird sowohl im Sport als auch in der Inneren Medizin eingesetzt. Sie kann zur Abklärung unklarer Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Anstrengung), zur Einschätzung der kardiopulmonalen Belastbarkeit oder zur differenzierten Trainingssteuerung beitragen. Auch im Ausdauersport liefert sie zusätzliche Informationen zum reinen Laktattest, etwa zur Fettstoffwechselrate.
Laktattest oder Spiroergometrie – was ist besser?
Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Beide Verfahren ergänzen einander.
- Der Laktattest ist vergleichsweise einfach durchführbar und liefert solide Daten zur Trainingssteuerung im Ausdauersport.
- Die Spiroergometrie gibt einen tieferen Einblick in Herz-Kreislauf- und Atemfunktion sowie in die Energiebereitstellung.
In der Praxis wird häufig eine Kombination beider Methoden empfohlen, um ein möglichst vollständiges Bild zu erhalten. Welche Untersuchung im Einzelfall sinnvoll ist, sollte gemeinsam mit der betreuenden Ärztin oder dem betreuenden Arzt entschieden werden.
Wie laufen die Tests organisatorisch ab?
Auch wenn sich die Verfahren unterscheiden, ähnelt sich der Ablauf in den Grundzügen:
- Vorbereitung: ausgeruht erscheinen, am Testtag keine intensive Belastung, ausreichend trinken, leichte Mahlzeit etwa 2–3 Stunden vorher
- Anamnese und Voruntersuchung: Erhebung der Krankengeschichte, Ruhe-EKG, Blutdruckmessung
- Stufentest: schrittweise gesteigerte Belastung auf Laufband oder Fahrradergometer bis zur individuellen Ausbelastung oder zu einem definierten Abbruchkriterium
- Nachbesprechung: ausführliche Befundbesprechung mit Ableitung von Trainingsempfehlungen
Eine vollständige Diagnostik dauert meist 60 bis 90 Minuten.
Was bringt das Ergebnis für das Training?
Die Messwerte werden in individuelle Trainingsbereiche übersetzt – häufig als Herzfrequenz- oder Wattbereiche. Damit lässt sich gezielter steuern, wann
- die Grundlagenausdauer verbessert wird (lange, ruhige Einheiten),
- der Fettstoffwechsel trainiert wird,
- an der Schwellenleistung gearbeitet wird,
- oder kurze, intensive Intervalle sinnvoll sind.
Eine erneute Diagnostik nach einigen Monaten kann zeigen, ob das Training Wirkung zeigt und ob die Bereiche angepasst werden sollten.
Mögliche Risiken und Grenzen
Leistungsdiagnostische Tests sind grundsätzlich gut etablierte Verfahren. Da sie eine Ausbelastung erfordern, sollte vorher eine ärztliche Einschätzung der Belastbarkeit erfolgen – insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Lungenerkrankungen oder bei einem Wiedereinstieg nach längerer Pause. Die Aussagekraft der Werte hängt zudem von Tagesform, Ernährung, Schlaf und Testprotokoll ab. Einzelwerte sollten daher immer im Gesamtkontext betrachtet werden.
Fazit
Laktattest und Spiroergometrie sind etablierte Bausteine moderner Leistungsdiagnostik. Sie machen sichtbar, was im Körper unter Belastung passiert, und schaffen eine sachliche Grundlage für individuelles Training. Wer seine Ausdauer strukturiert verbessern oder die eigene Belastbarkeit besser einschätzen möchte, findet in diesen Verfahren wertvolle Orientierungshilfen – idealerweise eingebettet in eine ärztliche Beratung und ein durchdachtes Trainingskonzept.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.


