Portrait Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESADr. Pehböck

Infusionstherapie

Infusionstherapie bei Long Covid: Aktuelle Erkenntnisse und ergänzende Ansätze

Viele Betroffene leiden Monate nach einer Corona-Infektion an anhaltender Erschöpfung, Konzentrationsproblemen oder Schmerzen. Welche Rolle eine Infusionstherapie bei Long Covid spielen kann und was die Wissenschaft dazu sagt, lesen Sie in diesem Überblick.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA4 Min. Lesezeit
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Long Covid: Wenn die Beschwerden nicht aufhören

Auch nach überstandener akuter Infektion mit dem Coronavirus berichten viele Menschen über Symptome, die Wochen oder Monate andauern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von Long Covid beziehungsweise Post Covid, wenn Beschwerden länger als zwölf Wochen bestehen und sich nicht durch andere Ursachen erklären lassen.

Typische Beschwerden sind:

  • ausgeprägte Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue)
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen ("Brain Fog")
  • Belastungsintoleranz, also Verschlechterung nach Anstrengung
  • Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Herzrasen, Kreislaufbeschwerden, Atemnot

Die Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem anhaltende Entzündungsprozesse, Veränderungen der kleinen Blutgefäße, ein Ungleichgewicht im Immunsystem, oxidativer Stress sowie Störungen des autonomen Nervensystems.

Warum überhaupt eine Infusionstherapie?

Eine Infusion bringt Flüssigkeit, Mineralstoffe, Vitamine oder Wirkstoffe direkt in den Blutkreislauf. Der Vorteil: Die Substanzen umgehen den Magen-Darm-Trakt und stehen rascher zur Verfügung. Bei Long-Covid-Patientinnen und -Patienten wird eine Infusionstherapie dann erwogen, wenn Beschwerden mit oraler Therapie, Lebensstilmaßnahmen und Pacing nicht ausreichend beeinflusst werden können oder eine Aufnahmestörung im Darm vermutet wird.

Wichtig zu betonen: Es gibt bislang keine spezifische Infusionstherapie, die Long Covid heilen kann. Aktuelle Leitlinien und Studien sehen Infusionen als möglichen ergänzenden Baustein eines individuellen Behandlungskonzepts – nicht als Standardtherapie.

Welche Infusionen werden bei Long Covid eingesetzt?

Die folgenden Ansätze werden in der Literatur und in spezialisierten Ambulanzen diskutiert. Die Studienlage ist bei vielen Verfahren noch begrenzt.

Vitamine und Mineralstoffe

Häufig kommen Mikronährstoff-Infusionen zum Einsatz, wenn ein Mangel nachgewiesen wurde oder eine schlechte Resorption vermutet wird:

  • Vitamin C in höheren Dosierungen wird wegen seiner Rolle als Antioxidans untersucht. Erste kleinere Studien deuten auf eine mögliche Verbesserung von Fatigue-Symptomen hin, größere kontrollierte Studien stehen noch aus.
  • B-Vitamine (z. B. B1, B6, B12) sind für Nerven- und Energiestoffwechsel relevant.
  • Magnesium kann bei Muskelbeschwerden, Krämpfen und Kopfschmerzen eine ergänzende Rolle spielen.
  • Zink und Selen werden als Bestandteil immunmodulierender Konzepte diskutiert.

Glutathion und alpha-Liponsäure

Beide Substanzen wirken als Antioxidantien und werden im Zusammenhang mit oxidativem Stress untersucht, wie er bei Long Covid eine Rolle spielen könnte. Die Datenlage ist noch nicht ausreichend, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.

Aminosäuren

Aminosäuren-Infusionen, etwa mit Taurin oder verzweigtkettigen Aminosäuren, werden als Unterstützung bei Erschöpfungszuständen erwogen. Auch hier sind die Erkenntnisse vorläufig.

NAD+ und Coenzym Q10

NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) und Coenzym Q10 sind an der zellulären Energiegewinnung in den Mitochondrien beteiligt. Da bei Long Covid eine mitochondriale Dysfunktion diskutiert wird, sind diese Substanzen Gegenstand laufender Forschung. Belastbare Studien zur intravenösen Anwendung bei Long Covid liegen bislang nur eingeschränkt vor.

Flüssigkeits- und Elektrolytinfusionen

Bei Patientinnen und Patienten mit Kreislaufbeschwerden, etwa im Rahmen eines posturalen Tachykardiesyndroms (POTS), kann eine Infusion mit Kochsalzlösung kurzfristig zur Stabilisierung beitragen. Sie ersetzt jedoch keine ursächliche Behandlung.

Was sagt die wissenschaftliche Evidenz?

Aktuelle Übersichtsarbeiten betonen übereinstimmend:

  • Die Forschung zu Long Covid Infusion-Therapien steht noch am Anfang.
  • Viele Studien sind klein, nicht placebokontrolliert oder beobachtend.
  • Einzelne Ansätze zeigen vielversprechende Hinweise auf eine Linderung von Fatigue, Brain Fog oder Belastungsintoleranz, ein klarer Wirknachweis fehlt jedoch häufig.
  • Eine Infusionstherapie sollte individuell abgestimmt sein und sich an Symptomen, Laborwerten und Begleiterkrankungen orientieren.

Internationale Fachgesellschaften – darunter auch die deutschsprachige S1-Leitlinie zu Long/Post Covid – empfehlen ein multimodales Vorgehen: Aufklärung, Pacing (kontrollierte Belastungssteuerung), Physio- und Ergotherapie, psychologische Unterstützung, gezielte medikamentöse Behandlung von Begleitsymptomen sowie gegebenenfalls ergänzende Verfahren wie Infusionen.

Für wen kann eine Infusionstherapie sinnvoll sein?

Eine Post Covid Therapie mit Infusionen kann im Einzelfall in Erwägung gezogen werden, wenn:

  • nachgewiesene Mikronährstoffmängel vorliegen,
  • eine Resorptionsstörung des Darms besteht,
  • orale Maßnahmen nicht ausreichend wirken,
  • Beschwerden wie Kreislaufprobleme, Fatigue oder Schmerzen die Lebensqualität deutlich einschränken.

Vor jeder Infusion sollten eine ärztliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung und eine Laboruntersuchung erfolgen. Nur so lässt sich beurteilen, ob und welche Infusion sinnvoll sein kann.

Mögliche Risiken und Grenzen

Infusionen sind medizinische Eingriffe und nicht frei von Risiken. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind:

  • lokale Reaktionen an der Einstichstelle (Hämatom, Entzündung)
  • allergische Reaktionen
  • Kreislaufreaktionen
  • bei hochdosierten Vitamininfusionen: Belastung der Nieren oder Wechselwirkungen mit Medikamenten

Besondere Vorsicht ist geboten bei eingeschränkter Nierenfunktion, Herzinsuffizienz, bestimmten Stoffwechselerkrankungen (z. B. Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel bei hochdosiertem Vitamin C) sowie in der Schwangerschaft.

Worauf sollten Betroffene achten?

Wer eine Infusionstherapie Long Covid-Beschwerden in Betracht zieht, sollte einige Punkte beachten:

  • Seriöse Aufklärung: Eine ärztliche Beratung sollte realistisch über Nutzen, Grenzen und mögliche Risiken informieren.
  • Individuelle Indikation: Vorgefertigte "Long-Covid-Pakete" ohne vorherige Abklärung sind kritisch zu sehen.
  • Begleitende Maßnahmen: Infusionen sind kein Ersatz für Pacing, Bewegungstherapie oder die Behandlung von Begleiterkrankungen.
  • Geduld: Long Covid bessert sich häufig langsam. Ein einzelner Therapieblock ersetzt keine längerfristige Betreuung.

Fazit

Die Forschung zu Long Covid macht Fortschritte, viele Fragen sind aber weiterhin offen. Infusionstherapien können in einem individuell abgestimmten Behandlungskonzept einen ergänzenden Beitrag leisten, etwa bei nachgewiesenen Mängeln, ausgeprägter Erschöpfung oder Kreislaufbeschwerden. Ein Wundermittel sind sie nicht. Entscheidend ist eine sorgfältige ärztliche Abklärung, eine realistische Erwartungshaltung und die Einbettung in ein umfassendes Behandlungskonzept.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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