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Ernährungsmedizin

Übergewicht und Adipositas: Möglichkeiten der ernährungsmedizinischen Begleitung

Übergewicht und Adipositas sind weit mehr als eine Frage der Willenskraft — sie sind komplexe Stoffwechselthemen, die eine umfassende ärztliche Begleitung verdienen. Dieser Beitrag gibt einen sachlichen Überblick darüber, wie eine ernährungsmedizinische Betreuung dabei unterstützen kann, Gewicht nachhaltig zu reduzieren und die Gesundheit langfristig zu stabilisieren.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA4 Min. Lesezeit
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Warum Übergewicht und Adipositas mehr als ein ästhetisches Thema sind

Adipositas ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als chronische Erkrankung anerkannt. In Österreich ist laut aktuellen Erhebungen rund die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig, ein nennenswerter Anteil davon adipös. Die Ursachen sind vielschichtig: genetische Veranlagung, hormonelle Faktoren, Bewegungsmangel, Ernährungsgewohnheiten, Schlafqualität, psychische Belastungen und Medikamentenwirkungen können gemeinsam eine Rolle spielen.

Mit zunehmendem Körperfettanteil — insbesondere im Bauchbereich — steigt das Risiko für Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Fettleber, Gelenksbeschwerden, bestimmte Tumorerkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine frühzeitige, strukturierte Adipositas-Behandlung kann dazu beitragen, diese Risiken zu senken.

Wann spricht man von Übergewicht, wann von Adipositas?

Zur ersten Einschätzung wird häufig der Body-Mass-Index (BMI) herangezogen:

  • BMI 25–29,9 kg/m²: Übergewicht
  • BMI 30–34,9 kg/m²: Adipositas Grad I
  • BMI 35–39,9 kg/m²: Adipositas Grad II
  • BMI ≥ 40 kg/m²: Adipositas Grad III

Der BMI allein ist allerdings nur ein Orientierungswert. Aussagekräftiger wird das Bild in Kombination mit dem Bauchumfang, dem Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse (z. B. über eine Bioimpedanzanalyse) sowie Laborwerten und der individuellen Krankengeschichte.

Die ärztliche Erstabklärung: mehr als Kalorien zählen

Beim Abnehmen ärztlich begleitet vorzugehen, beginnt mit einer gründlichen Anamnese. Eine ernährungsmedizinische Abklärung kann unter anderem folgende Aspekte umfassen:

Medizinische Basisdiagnostik

  • Ausführliches Anamnesegespräch zu Lebensstil, Ess- und Bewegungsgewohnheiten, Schlaf und Stresslevel
  • Körperliche Untersuchung inklusive Blutdruckmessung
  • Laborwerte: Blutzucker (nüchtern, ggf. HbA1c), Blutfette, Leberwerte, Nierenwerte, Schilddrüsenwerte, Vitamin D, Eisenstatus
  • Optional: Bioimpedanzanalyse zur Bestimmung von Muskel-, Fett- und Wasseranteil

Mögliche Ursachenklärung

Manchmal liegen behandelbare Faktoren vor, die eine Gewichtszunahme begünstigen — etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, ein Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS), bestimmte Medikamente, Schlafapnoe oder hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren. Eine sorgfältige Abklärung kann hier Anhaltspunkte liefern.

Bausteine einer ernährungsmedizinischen Begleitung

Ernährungsmedizin Gewichtsreduktion bedeutet in der Praxis, individuelle Strategien zu entwickeln, die zum Alltag, zu Vorlieben und zur gesundheitlichen Situation passen. Pauschale Diätpläne greifen meist zu kurz.

1. Individuelle Ernährungsstrategie

Statt kurzfristiger Diäten steht eine langfristig umsetzbare Ernährungsumstellung im Vordergrund. Wissenschaftlich gut untersuchte Ansätze sind unter anderem:

  • Mediterrane Ernährung: reich an Gemüse, Hülsenfrüchten, Olivenöl, Fisch, Nüssen
  • Moderate Reduktion der Energiezufuhr: angepasst an Grundumsatz und Aktivität
  • Bewusster Umgang mit Zucker und stark verarbeiteten Lebensmitteln
  • Ausreichende Eiweißzufuhr, um Muskelmasse während der Gewichtsreduktion zu erhalten
  • Strukturierte Mahlzeiten statt häufigem Snacking

Welche Variante geeignet ist, hängt von Begleiterkrankungen, Stoffwechsellage und persönlichen Präferenzen ab.

2. Bewegung als zweite Säule

Bewegung unterstützt die Gewichtsreduktion und ist vor allem entscheidend, um den Erfolg langfristig zu halten. Empfohlen wird in der Regel eine Kombination aus:

  • Ausdauerbewegung (z. B. zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen)
  • Kraft- bzw. Widerstandstraining zum Erhalt der Muskelmasse
  • Mehr Alltagsbewegung (Stiegen statt Lift, Wege zu Fuß)

Bei bestehenden Gelenks- oder Herz-Kreislauf-Beschwerden sollte das Bewegungsprogramm ärztlich abgestimmt werden.

3. Verhaltens- und Schlafaspekte

Essverhalten ist eng mit Emotionen, Stress und Schlaf verknüpft. Schlafmangel und chronischer Stress können den Stoffwechsel und das Hungergefühl beeinflussen. Eine begleitende Auseinandersetzung mit Essmustern, Achtsamkeit beim Essen und gegebenenfalls psychotherapeutische Unterstützung können sinnvolle Bestandteile des Konzepts sein.

4. Medikamentöse Optionen

In bestimmten Fällen — etwa bei Adipositas mit Begleiterkrankungen oder unzureichendem Erfolg einer Lebensstiländerung — können medikamentöse Therapien ergänzend in Betracht gezogen werden. Dazu zählen unter anderem Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten. Solche Medikamente sind verschreibungspflichtig, mit Nebenwirkungen verbunden und ersetzen keine Lebensstiländerung. Ob, wann und welcher Wirkstoff infrage kommt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt nach individueller Abwägung.

5. Chirurgische Optionen

Bei ausgeprägter Adipositas (in der Regel ab BMI 35 mit Begleiterkrankungen oder ab BMI 40) kann nach Ausschöpfen konservativer Maßnahmen ein bariatrischer Eingriff thematisiert werden. Auch hier ist eine umfassende interdisziplinäre Abklärung Voraussetzung.

Realistische Ziele statt schneller Erfolge

Studien zeigen, dass bereits eine Gewichtsreduktion von 5–10 % des Ausgangsgewichts gesundheitlich relevante Effekte haben kann — etwa auf Blutdruck, Blutzucker und Blutfettwerte. Wichtig ist eine realistische Planung:

  • Langsames Tempo: etwa 0,5–1 kg pro Woche, je nach Ausgangslage
  • Regelmäßige Verlaufskontrollen: Gewicht, Bauchumfang, Laborwerte, Körperzusammensetzung
  • Anpassungen unterwegs: Plateaus sind normal und erfordern oft eine neue Strategie
  • Fokus auf Gesundheit, nicht nur auf die Waage

Langfristig dranbleiben: die Phase nach dem Abnehmen

Der wichtigste — und oft schwierigste — Abschnitt beginnt nach dem Erreichen des Zielgewichts. Der Körper reagiert auf Gewichtsverlust mit Anpassungsmechanismen wie einem reduzierten Grundumsatz und veränderten Hormonprofilen. Eine kontinuierliche Begleitung kann helfen, einen erneuten Gewichtsanstieg ("Jo-Jo-Effekt") zu vermeiden. Bewährt haben sich:

  • Regelmäßige Bewegung als feste Routine
  • Beibehaltung der neuen Essgewohnheiten
  • Gewicht und Wohlbefinden im Blick behalten
  • Bei Rückschlägen frühzeitig Unterstützung suchen

Wann ist eine ärztliche Begleitung besonders sinnvoll?

Eine strukturierte Adipositas-Behandlung bietet sich an, wenn:

  • Selbstständige Versuche, Gewicht zu reduzieren, wiederholt nicht erfolgreich waren
  • Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettleber bestehen
  • Der BMI deutlich erhöht ist
  • Medikamente eingenommen werden, die das Gewicht beeinflussen
  • Unsicherheit über die individuell passende Vorgehensweise besteht

Eine ernährungsmedizinische Betreuung bündelt medizinisches Wissen mit alltagstauglichen Strategien — und schafft Raum für eine Begleitung, die nicht auf schnelle Erfolge, sondern auf nachhaltige Gesundheit setzt.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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